Das Rad der Zeit - Seite 3

besaß - einen Prozentsatz, den man unter bestimmten Voraussetzungen einer außerordentlichen Disziplin wohl einlösen konnte. Der Raum war für diese Schamanen eine abstrakte Sphäre der Aktivität. Sie nannten ihn Unendlichkeit und meinten damit die Summe des Strebens aller lebenden Geschöpfe. Der Raum war ihnen also eher zugänglich, etwas beinahe Profanes. Es war, als hielten sie einen größeren Prozentsatz an der abstrakten Formulierung des Raumes. Don Juans Darstellung zufolge betrachteten die Schamanen des alten Mexiko Zeit und Raum nie als undurchschaubare Abstraktionen, wie wir es tun. Für sie waren Zeit und Raum, wiewohl unbegreiflich in ihrer Formulierung, integraler Bestandteil des Menschen. Diese Schamanen kannten noch ein weiteres kognitives Element, das sie das Rad der Zeit nannten. Ihre Erklärung für das Rad der Zeit besagte, dass Zeit wie ein Tunnel von unbegrenzter Länge und Breite sei - ein Tunnel mit reflektierenden Spalten. Jede der Spalten war unendlich, und es gab eine unendliche Anzahl von ihnen. Die Lebewesen waren durch die Kraft des Lebens gezwungen, in eine der Spalten zu blicken. In eine Spalte allein zu blicken bedeutete, in ihr gefangen zu sein, in dieser Spalte zu leben. Das letzte Ziel eines Kriegers ist, durch einen Akt äußerster Disziplin seine unbeirrbare Aufmerksamkeit auf das Rad der Zeit zu konzentrieren, um es in Drehung zu versetzen. Krieger, denen es gelungen ist, das Rad der Zeit zu drehen, können in jede der Spalten blicken und aus ihr beziehen, was immer sie wünschen. Frei zu sein von der bannenden Kraft des Blicks in nur eine dieser Spalten bedeutet, dass Krieger in beide Richtungen blicken können: in die Zeit, die hinter ihnen zurückweicht, sowie in die Zeit, die auf sie zukommt. So betrachtet, hat das Rad der Zeit eine überwältigende Bedeutung, die das Leben der Krieger erfasst und darüber hinausreicht, wie mit den Zitaten in diesem Buch der Fall. Sie scheinen verknüpft durch eine Spirale, die ein eigenes Leben hat. Diese Spirale, so erklärt das kognitive System der Schamanen, ist das Rad der Zeit. Beeinflusst durch das Rad der Zeit, war das Ziel dieses Buches schließlich etwas, das im ursprünglichen Plan nicht vorgesehen war. Die Zitate selbst und als solche wurden zum beherrschenden Faktor, und die von ihnen ausgehende Kraft verpflichtete mich, dem Geist, in dem die Worte gesprochen worden waren, möglichst nahe zu bleiben. Gesprochen wurden sie im Geist der Einfachheit und Direktheit. Übrigens habe ich - erfolglos - versucht, die Zitate in Kategorien zusammenzufassen, die das Lesen erleichtern sollten. Aber die Kategorisierung erwies sich als unhaltbar. Es war unmöglich, willkürlich Bedeutungskategorien zu bestimmen, die mir persönlich für etwas so Gewaltiges wie eine eigene kognitive Welt angemessen erschienen wären. So blieb nichts anderes übrig, als den Zitaten zu folgen und durch sie selbst in skizzenhafter Form ein Bild der Gedanken und Gefühle entstehen zu lassen, die jene Schamanen des alten Mexiko über Leben und Tod, Universum und Energie hegten. Sie geben wieder, wie die Schamanen nicht nur das Universum, sondern auch die Vorgänge des Lebens und Überlebens in unserer Welt verstanden. Und wichtiger noch, sie verweisen auf die Möglichkeit, mit zwei kognitiven Systemen gleichzeitig zu arbeiten, ohne Schaden für das Selbst.

Datum: Freitag, 10. August 2007 16:47 Themengebiet: Geschichte -

 



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