Beitrags-Archiv für die Kategory 'Geschichte'

Das Rad der Zeit - Seite 2

Freitag, 10. August 2007 16:47

Schamanen behaupteten nun, dass genau an diesem strahlend hellen Punkt, den diese Schamanen den Montagepunkt nannten, die Wahrnehmung zusammengesetzt, also montiert wird. Sie führten diesen Gedanken logisch noch weiter und meinten, dass an diesem strahlenden Punkt unsere Erkenntnis der Welt zusammengebaut wird. So seltsam es klingt, Don Juan Matus hatte Recht, insofern genau dies tatsächlich passiert. Die Wahrnehmung von Schamanen war also von anderen Vorgängen bestimmt als die Wahrnehmung gewöhnlicher Menschen. Die Schamanen behaupteten, dass die unmittelbare Wahrnehmung von Energie sie zu Einsichten geführt habe, die sie energetische Tatsachen nannten. Unter einer energetischen Tatsache verstanden sie eine durch direktes Wahrnehmen von Energie gewonnene Einsicht, die wiederum zu endgültigen, nicht weiter ableitbaren Schlussfolgerungen führte; an diesen war nicht zu rütteln, weder durch theoretische Spekulation noch durch den Versuch, sie in unser normales Interpretationssystem einzufügen. Für die Schamanen seiner Tradition, sagte Don Juan, war es eine energetische Tatsache, dass die uns umgebende Welt durch kognitive Vorgänge definiert ist und dass diese Vorgänge nicht unabänderlich sind; sie sind keine Gegebenheiten. Sie sind Sache der Ausbildung, Übung und Anwendung. Dieser Gedanke wurde weitergeführt, zu einer weiteren energetischen Tatsache: Die Vorgänge der normalen Kognition sind das Produkt unserer Erziehung, mehr nicht. Don Juan Matus wusste ohne jeden Zweifel, dass alles, was er mir über das kognitive System der Schamanen im alten Mexiko erzählte, Realität war. Don Juan war - unter anderem - ein Nagual, was für schamanistische Praktiker so viel bedeutet wie ein natürlicher Führer, eine Person, die fähig ist, energetische Tatsachen ohne Nachteil für ihr Wohlergehen zu erkennen. Er war daher befähigt, seine Mitmenschen erfolgreich auf neue Bahnen des Denkens und der Wahrnehmung zu führen, die mit Worten nicht zu beschreiben sind. Angesichts aller Fakten, die Don Juan mich über seine kognitive Welt gelehrt hatte, kam ich zu dem Schluss, den auch er teilte, dass das wichtigste Element einer solchen Welt die Idee des absichtlichen Wollens sei. Für die Schamanen des alten Mexiko war das Wollen eine Kraft, die sie visualisieren konnten, wenn sie Energie im Universum fließen sahen. Sie betrachteten es als alles durchdringende Kraft, die in jeden Aspekt von Zeit und Raum einwirkte. Es war die Triebkraft, die hinter allem steht; von überragender Bedeutung war aber für diese Schamanen der Umstand, dass das Wollen - ein rein abstrakter Begriff - in engster Verbindung mit dem Menschen stand. Der Mensch konnte es immer manipulieren. Die Schamanen des alten Mexiko erkannten, dass die einzige Möglichkeit, diese Kraft zu beeinflussen, in einem makellosen Verhalten bestand. Nur der disziplinierteste Praktiker konnte sich an dieses Unterfangen wagen. Ein weiteres verblüffendes Element dieses erstaunlichen kognitiven Systems war die Art, wie die Schamanen die Begriffe Zeit und Raum verstanden und benutzten. Für sie waren Zeit und Raum nicht die gleichen Phänomene, wie sie Teil unseres Lebens sind, da sie einen wesentlichen Bestandteil unseres normalen kognitiven Systems bilden. Für den gewöhnlichen Menschen lautet die Standard- Definition von Zeit: »Ein nicht räumliches Kontinuum, in welchem Ereignisse in anscheinend irreversibler Reihenfolge stattfinden, von der Vergangenheit über die Gegenwart bis zur Zukunft. « Und Raum ist definiert als »die unendliche Ausdehnung des dreidimensionalen Feldes, in welchem Sterne und Galaxien existieren; das Universum«. Für die Schamanen des alten Mexiko war Zeit so etwas wie ein Gedanke - ein Gedanke, gedacht von etwas in seiner Größe Unerkennbarem. Die logische Schlussfolgerung war für sie also, dass der Mensch, weil er Teil dieses Gedankens war, der von für seinen Verstand unbegreiflichen Kräften gedacht wurde, gleichwohl einen kleinen Prozentsatz dieses Gedankens

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Das Rad der Zeit - Seite 1

Freitag, 10. August 2007 16:46

Diese besonders ausgesuchten Zitate wurden aus den ersten acht Büchern übernommen, die ich über die Welt der Schamanen des alten Mexiko geschrieben habe. Die Zitate stammen aus dem unmittelbaren Zusammenhang der Erklärungen, die mir, dem Anthropologen, von meinem Lehrer und Mentor Don Juan Matus gegeben wurden, einem yaqui-indianischen Schamanen aus Mexiko. Er gehörte einer Traditionslinie von Schamanen an, die ihren Ursprung bis auf Schamanen zurückführte, die in alten Zeiten in Mexiko lebten. Mit größter Eindringlichkeit führte mich Don Juan Matus in seine Welt ein, die natürlich die Welt jener Schamanen aus alter Zeit war. Don Juan war also in einer Schlüsselposition. Er wusste von der Existenz einer anderen Sphäre der Wirklichkeit, einer Sphäre, die weder Illusion noch Produkt einer überbordenden Phantasie war. Für Don Juan und seine anderen Schamanengefährten - es waren fünfzehn an der Zahl -war die Welt der alten Schamanen absolut real und von höchstem pragmatischem Wert. Angefangen hatte meine Arbeit an diesem Buch als der ganz schlichte Versuch, eine Auswahl von Skizzen, Aussprüchen und Gedanken aus der Überlieferung dieser Schamanen zusammenzustellen, die das Interesse wecken und zum Nachdenken anregen sollte. Nachdem die Arbeit Fortschritte machte, trat ein unvorhersehbarer Richtungswandel ein: Ich erkannte, dass die Zitate selbst von einer außerordentlichen Stoßkraft erfüllt waren. Sie enthüllten eine verborgene Gedankenkette, die mir vorher nicht einsichtig gewesen war. Sie deuteten in die Richtung, die Don Juans Erklärungen in den dreizehn Jahren, die ich als Schüler unter seiner Führung verbrachte, genommen hatten. Besser als jede begriffliche Darstellung machten die Zitate eine überraschende, unbeirrbare Methode sichtbar, die Don Juan bei mir angewandt hatte, um meinen Eintritt in seine Welt zu fördern und zu erleichtern. Jenseits aller Vermutung wurde mir klar, dass Don Juan, wenn er diese Methode anwandte, selbst auf gleiche Weise von seinem Lehrer in die Welt der Schamanen befördert worden sein musste. Don Juan Matus’ Methode war sein absichtliches Bemühen, mich in ein - wie er sagte - anderes kognitives System hineinzuziehen. Unter kognitivem System verstand er das, was üblicherweise als Kognition definiert wird: »Jene Vorgänge, die für das alltägliche Bewusstsein verantwortlich sind; Vorgänge wie Erinnerung, Erfahrung, Wahrnehmung und der kundige Gebrauch einer vorgegebenen Syntax. « Don Juan behauptete, dass die Schamanen des alten Mexiko tatsächlich ein anderes kognitives System als jenes der gewöhnlichen Menschen gehabt hätten. Gemäß aller Logik und Vernunft, die mir als einem Studenten der Sozialwissenschaft zur Verfügung standen, musste ich seine Feststellung zurückweisen. Immer wieder hielt ich Don Juan vor, was er da behaupte, sei doch grotesk. Allenfalls hielt ich es für geistige Verirrung. Dreizehn Jahre harter Arbeit von seiner wie meiner Seite waren nötig, um mein Vertrauen in das normale Erkenntnissystem, das uns die uns umgebende Welt verständlich macht, zu erschüttern. Diese Taktik versetzte mich in einen ganz sonderbaren Zustand — einen Zustand quasi des Misstrauens gegen die sonst stillschweigende Akzeptanz der kognitiven Vorgänge unserer Alltagswelt. Nach dreizehn Jahren schwerer Anfechtung musste ich wider Willen erkennen, dass Don Juan Matus tatsächlich von einem anderen Standpunkt ausging. Also mussten die Schamanen des alten Mexiko ein anderes kognitives System gehabt haben. Dies zugeben zu müssen traf mich im Innersten. Ich fühlte mich wie ein Verräter. Mir war, als äußerte ich die schrecklichste Häresie. Als er merkte, dass er meinen ärgsten Widerstand überwunden hatte, hämmerte mir Don Juan seine Auffassung ein, so tief und so gründlich es eben ging, und ich musste ohne Vorbehalt zugeben, dass schamanistische Praktiker, in ihrer Welt der Schamanen, die Welt unter Gesichtspunkten beurteilten, die mit unseren begrifflichen Mitteln nicht zu beschreiben waren. Zum Beispiel nahmen sie Energie wahr, die frei im Universum fließt - Energie, frei von den Bindungen der Sozialisation und der Syntax, reine pulsierende Energie. Dies nannten sie den Akt des Sehens. Don Juans erstes Ziel war, mir zu helfen, Energie zu sehen, wie sie im Universum fließt. In der Welt der Schamanen ist solches Wahrnehmen von Energie der erste obligatorische Schritt zu einer umfassenderen, freieren Auffassung eines anderen kognitiven Systems. Um bei mir eine Reaktion wie das Sehen hervorzurufen, arbeitete Don Juan auch mit anderen sonderbaren Elementen der Kognition. Eines der wichtigsten dieser Elemente nannte er die Rekapitulation, die aus einer systematischen Überprüfung des eigenen Lebens bestand, Abschnitt für Abschnitt, eine Prüfung, die nicht im Sinn der Kritik oder Suche nach Fehlern stattfand, sondern im Sinne eines Bemühens, das eigene Leben zu verstehen und dessen Verlauf zu ändern. Don Juan behauptete, dass es für den schamanistischen Praktiker, sobald er sein Leben auf abgelöste Weise betrachtet, wie die Rekapitulation sie verlangt, keinen Rückweg mehr in dieses selbe Leben gibt. Energie im Universum fließen zu sehen bedeutete für Don Juan die Fähigkeit, einen Menschen als leuchtendes Ei oder leuchtende Energie-Kugel zu sehen und in dieser leuchtenden Energie-Kugel gewisse Merkmale zu erkennen, die allen Menschen gemeinsam sind, wie etwa einen Punkt strahlender Leuchtkraft in der ohnehin leuchtenden Energie-Kugel. Die

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Analyse der Prinzipien menschlicher Erkenntnis 10

Dienstag, 10. Juli 2007 17:59

Es besteht in der That eine auffallend verbreitete Meinung, dass Häuser, Berge, Flüsse, mit Einem Wort, alle sinnlichen Objecte, eine natürliche oder reale Existenz haben, welche von ihrem Percipirtwerden durch den denkenden Geist verschieden sei. Mit wie grosser Zuversicht und mit wie allgemeiner Zustimmung aber auch immer dieses Princip behauptet werden mag, so wird doch, wenn ich nicht irre, ein Jeder, der den Muth hat es in Zweifel zu ziehen, finden, dass dasselbe einen offenbarenWiderspruch involvirt. Denn was sind die vorhin erwähnten Objecte anderes als die sinnlich von uns wahrgenommenen Dinge, und was percipiren wir anderes als unsere eigenen Ideen oder Sinnesempfindungen? und ist es nicht ein vollkommenerWiderspruch, dass irgend eine solche oder irgend eine Verbindung derselben unwahrgenommen existire? V. Wenn wir diese Annahme gründlich prüfen, so wird sich vielleicht herausstellen, dass sie sich schliesslich auf die Lehre von den abstracten Ideen zurückführen lässt. Denn kann wohl die Abstraction auf eine grössere Höhe getrieben werden, als bis zur Unterscheidung der Existenz sinnlicher Dinge von ihrem Percipirtwerden, so dass man sich vorstellt, sie existirten unpercipirt? Licht und Farben, Hitze und Kälte, Ausdehnung und Figuren, mit EinemWort, die Dinge, welche wir sehen und fühlen, was sind sie anderes als verschiedenartige Sinnesempfindungen, Vorstellungen, Ideen oder Eindrücke auf die Sinne, und ist es möglich, auch nur in Gedanken irgend eine derselben vom Percipirtwerden zu trennen? Ich für meine Person könnte ebenso leicht ein Ding von sich selbst abtrennen. Ich kann in der That vermöge meines Denkens solche Dinge von einander abtrennen oder gesondert auffassen, die ich vielleicht niemals durch die Sinne in solcher Trennung percipirt habe. So stelle ich den Rumpf eines menschlichen Körpers ohne die Glieder vor oder den Geruch einer Rose, ohne an die Rose selbst zu denken. Insoweit, das leugne ich nicht, vermag ich zu abstrahiren, wenn anders der Ausdruck Abstraction hier noch im eigentlichen Sinne gilt, wo es sich nur darum handelt, solche Objecte gesondert zu denken, welche in der That von einander getrennt existiren oder wirklich eins ohne das andere percipirt werden können; aber meine Fähigkeit zu denken oder vorzustellen erstreckt sich nicht weiter, als die Möglichkeit einer realen Existenz oder Perception. So unmöglich es mir ist, ein Ding ohne eine wirklicheWahrnehmung desselben zu sehen oder zu fühlen, eben so unmöglich ist es mir hiernach, irgend ein sinnlich wahrnehmbares Ding oder Object gesondert von der sinnlichenWahrnehmung oder Perception desselben zu denken.

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Analyse der Prinzipien menschlicher Erkenntnis 9

Dienstag, 10. Juli 2007 17:59

Dass weder unsere Gedanken, noch unsere Gefühle, noch unsere Einbildungsvorstellungen ausserhalb des Geistes existiren, wird ein Jeder zugeben. Es scheint aber nicht weniger evident zu sein, dass die verschiedenen Sinnesempfindungen oder den Sinnen eingeprägten Ideen, wie auch immer dieselben mit einander vermischt oder verbunden sein mögen (d.h. was für Objecte auch immer sie bilden mögen), nicht anders existiren können, als in einem Geiste, der sie percipirt. Dies kann, glaube ich, von einem Jeden anschaulich erkannt werden, der darauf achten will, was unter dem Ausdruck existiren bei dessen Anwendung auf sinnliche Dinge zu verstehen ist. Sage ich: der Tisch, an dem ich schreibe, existirt, so heisst das: ich sehe und fühle ihn; wäre ich ausserhalb meiner Studirstube, so könnte ich die Existenz desselben in dem Sinne aussagen, dass ich, wenn ich in meiner Studirstube wäre, denselben percipiren könnte, oder dass irgend ein anderer Geist denselben gegenwärtig percipire. Es war da ein Geruch, heisst: derselbe ward wahrgenommen; ein Ton fand statt, heisst: derselbe ward gehört; eine Farbe oder Gestalt: sie ward durch den Gesichtssinn oder durch den Tastsinn percipirt. Dies ist der einzige verständliche Sinn dieser und aller ähnlichen Ausdrücke. Denn was von einer absoluten Existenz undenkender Dinge ohne irgend eine Beziehung auf ihr Percipirtwerden gesagt zu werden pflegt, scheint durchaus unverständlich zu sein. Das Sein (esse) solcher Dinge ist Percipirtwerden (percipi). Es ist nicht möglich, dass sie irgend eine Existenz ausserhalb der Geister oder denkenden Wesen haben, von welchen sie percipirt werden.

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Analyse der Prinzipien menschlicher Erkenntnis 8

Dienstag, 10. Juli 2007 17:58

Jedem, der einen Blick auf die Gegenstände der menschlichen Erkenntniss wirft, leuchtet ein, dass dieselben theils den Sinnen gegenwärtig eingeprägte Ideen sind, theils Ideen, welche durch ein Aufmerken auf das, was die Seele leidet und thut, gewonnen werden, theils endlich Ideen, welche mittelst des Gedächtnisses und der Einbildungskraft durch Zusammensetzung, Theilung oder einfache Vergegenwärtigung der ursprünglich in einer der beiden vorhin angegebenen Weisen empfangenen Ideen gebildet werden. Durch den Gesichtssinn erhalte ich die Licht- und Farben- Ideen in ihren verschiedenen Abstufungen und qualitativen Modificationen, durch den Tastsinn percipire ich z.B. Härte und Weichheit, Hitze und Kälte, Bewegung undWiderstand, und von diesem allem mehr oder weniger hinsichtlich der Quantität oder des Grades. Der Geruchssinn verschafft mir Gerüche, der Geschmackssinn Geschmacksempfindungen, der Sinn des Gehörs führt dem Geiste Schallempfindungen zu in ihrer ganzen Mannichfaltigkeit nach Ton und Zusammensetzung. Da nun beobachtet wird, dass einige von diesen Empfindungen einander begleiten, so geschieht es, dass sie mit Einem Namen bezeichnet und in Folge hiervon als Ein Ding betrachtet werden. Ist z.B. beobachtet worden, dass eine gewisse Farbe, Geschmacksempfindung, Geruchsempfindung, Gestalt und Festigkeit vereint auftreten, so werden sie für Ein bestimmtes Ding gehalten, welches durch den Namen Apfel bezeichnet wird. Andere Gruppen von Ideen bilden einen Stein, einen Baum, ein Buch und ähnliche sinnliche Dinge, die, je nachdem sie gefallen oder missfallen, die Gefühle des Hasses, der Freude, des Kummers u.s.w. hervorrufen. II. Aber neben all dieser endlosen Mannichfaltigkeit von Ideen oder Erkenntnissobjecten existirt ebensowohl auch etwas, das sie erkennt oder percipirt und verschiedene Thätigkeiten, wie wollen, sich vorstellen, sich wiedererinnern, an den Ideen ausübt. Dieses percipirende, thätige Wesen ist dasjenige, was ich Gemüth, Geist, Seele oder mich selbst nenne. Durch dieseWorte bezeichne ich nicht irgend eine meiner Ideen, sondern ein von ihnen allen ganz verschiedenes Ding, worin sie existiren oder, was das Nämliche besagt, wodurch sie percipirt werden; denn die Existenz einer Idee besteht im Percipirtwerden.

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Analyse der Prinzipien menschlicher Erkenntnis 7

Dienstag, 10. Juli 2007 17:58

Nachdem aber diese Meinungen als Irrthümer erkannt sind, so kann man leichter sich davor hüten, durchWorte getäuscht zu werden. Wer weiss, dass er keine anderen Ideen als Einzelideen besitzt, wird sich nicht vergeblich bemühen, die an irgend einen Namen geknüpfte abstracte Idee herauszufinden und zu denken.Wer weiss, dass Namen nicht immer Ideen vertreten, wird sich die Mühe ersparen, nach Ideen zu suchen, wo keine gewesen sind. Es wäre demgemäss zu wünschen, dass ein Jeder so sehr als möglich sich bemühte, eine klare Einsicht in die Ideen zu gewinnen, die er betrachten will, indem er von denselben alle die Bekleidung und allen den beschwerenden Anhang vonWorten abtrennt, der so sehr dazu beiträgt, das Urtheil zu trüben und die Aufmerksamkeit zu theilen. Vergeblich erweitern wir unsern Blick in die himmlischen Räume und erspähen das Innere der Erde; vergeblich ziehen wir die Schriften gelehrter Männer zu Rathe und verfolgen die dunkeln Spuren des Alterthums; wir sollten nur den Vorhang von Worten wegziehen, um klar und rein den Erkenntnissbaum zu erblicken, dessen Frucht vortrefflich und unserer Hand erreichbar ist […]

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Analyse der Prinzipien menschlicher Erkenntnis 6

Dienstag, 10. Juli 2007 17:57

Zuerst darf ich gewiss sein, von allen blos verbalen Controversen loszukommen; das Emporwachsen dieses Unkrauts aber ist in fast allen Wissenszweigen ein Haupthinderniss des Gedeihens der Wahrheit und gesunden Erkenntniss gewesen. Zweitens scheint dies ein sicherer Weg zu sein, mich jenem feinen und zarten Netze abstracter Ideen zu entziehen, welches auf eine so kläglicheWeise den Geist der Menschen verwirrt und verstrickt hat, und zwar in der seltsamen Weise, dass je schärfer und wissbegieriger der Verstand eines Menschen war, er desto leichter tief verstrickt und gefesselt werden konnte. Drittens, so lange ich meine Betrachtung auf meine eigenen der Worte entkleideten Ideen einschränke, sehe ich nicht, wie ich leicht in die Irre gerathen könnte. Die Objecte meiner Betrachtung kenne ich klar und genau. Ich kann nicht die falsche Meinung hegen, ich hatte eine Idee, die ich nicht habe. Es ist mir nicht möglich, mir einzubilden, einige meiner eigenen Ideen seien einander ähnlich oder unähnlich, die dies nicht wirklich sind. Die Uebereinstimmungen oder Verschiedenheiten zu unterscheiden, die zwischen meinen Ideen bestehen, zu sehen, welche Ideen in einer zusammengesetzten Idee enthalten sind, […]

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Analyse der Prinzipien menschlicher Erkenntnis 5

Dienstag, 10. Juli 2007 17:57

Auch sogar Eigennamen scheinen nicht immer in der Absicht ausgesprochen zu werden, uns die Vorstellungen der Individuen ins Bewusstsein zu rufen, die, wie man voraussetzt, durch sie bezeichnet werden. Sagt mir z.B. ein Schulphilosoph: »Aristoteles hat dies gesagt«, so ist nach meinem Verständniss alles, was er damit beabsichtigt, dies, mich geneigt zu machen, seine Meinung mit der Ehrerbietung und Unterwürfigkeit anzunehmen, welche die Gewohnheit an jenen Namen geknüpft hat. Diese Wirkung kann im Geiste solcher, die gewöhnt sind, ihr Urtheil dem Ansehen dieses Philosophen zu unterwerfen, so augenblicklich eintreten, dass unmöglich irgend, eine Vorstellung seiner Person, seiner Schriften, seines Rufs vorausgegangen sein kann. Unzählige Beispiele dieser Art könnten aufgestellt werden; aber warum sollte ich bei Dingen verweilen, die einem Jeden seine eigene Erfahrung ohne Zweifel reichlich ins Bewusstsein ruft? XXI. Es ist von uns, denke ich, die Unmöglichkeit abstracter Ideen erwiesen worden. Wir haben erwogen, was von ihren geschicktesten Vertheidigern gesagt worden ist und wir haben zu zeigen gesucht, dass sie von keinem Nutzen für die Zwecke seien, um deren willen man sie für erforderlich hält. Wir haben schliesslich der Quelle nachgespürt, woraus die Annahme derselben fliesst, und diese in der Sprache gefunden. Es kann nicht geleugnet werden, dass Worte trefflich dazu dienen, den ganzen Vorrath von Kenntnissen, der durch die vereinten Bemühungen von Forschem aller Zeiten und Völker gewonnen worden ist, in den Gesichtskreis eines jeden Einzelnen zu ziehen und in seinen Besitz zu bringen. Zugleich aber muss anerkannt werden, dass die meisten Theile desWissens erstaunlich verwirrt und verdunkelt worden sind durch den Missbrauch vonWorten und allgemeinen Redeweisen, worin sie überliefert worden sind. Weil demgemässWorte so leicht den Geist zu täuschen vermögen, so werde ich, welche Ideen auch immer ich betrachte, versuchen, sie gleichsam bloss und nackt anzuschauen, indem ich aus meinem Denken, so weit ich es vermag, jene Benennungen entferne, welche eine lange und beständige Gewohnheit so eng mit ihnen verknüpft hat, und ich darf erwarten, dass hieraus folgende Vortheile herfliessen werden.

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Analyse der Prinzipien menschlicher Erkenntnis 4

Dienstag, 10. Juli 2007 17:56

Um aber ferner noch Rechenschaft davon zu geben, wie Worte den Anlass zu der Lehre von den abstracten Ideen gegeben haben, muss bemerkt werden, dass es eine herrschende Meinung ist, die Sprache habe keinen anderen Zweck, als unsere Ideen mitzutheilen, und jeder Name, der etwas bezeichne, stehe für eine Idee. Setzen wir dies voraus und ist es zugleich gewiss, dass Namen, die doch nicht für ganz bedeutungslos gelten, nicht immer denkbare Einzelvorstellungen ausdrücken, so lässt sich mit Strenge folgern, dass sie für einen abstracten Begriff stehen. Dass manche allgemeine Bezeichnungen unter Gelehrten im Gebrauch sind, die nicht immer bei Anderen bestimmte Einzelvorstellungen anregen, wird Niemand leugnen. Und durch einiges Nachdenken wird man finden, dass es nicht nothwendig ist, dass selbst bei der strengsten Gedankenverknüpfung Namen, die etwas bedeuten und Ideen vertreten, jedesmal, so oft sie gebraucht werden, in dem Geiste eben dieselben Ideen erwecken, zu deren Vertretung sie gebildet worden sind, da im Lesen und Sprechen Gemeinnamen grösstentheils so gebraucht werden wie Buchstaben in der Algebra, wo, obschon durch jeden Buchstaben eine bestimmte Quantität bezeichnet wird, es doch zum Zwecke des richtigen Fortgangs der Rechnung nicht erforderlich ist, dass bei einem jeden Schritt jeder Buchstabe die bestimmte Quantität, zu deren Vertretung er bestimmt war, ins Bewusstsein treten lasse. XX. Zudem ist nicht, wie gewöhnlich angenommen wird, die Mittheilung von Ideen, welche durchWorte ausgedrückt werden, der hauptsächliche und sogar einzige Zweck der Sprache. Es giebt andere Zwecke, wie z.B. die Erregung irgend einer Leidenschaft, die Bewirkung des Entschlusses eine Handlung auszuführen oder zu unterlassen, die Versetzung des Gemüths in irgend einen bestimmten Zustand, Zwecke, denen der erstgenannte in manchen Fällen völlig untergeordnet ist; ja derselbe kann ganz wegfallen, wenn diese Zwecke sich ohne ihn erreichen lassen, wie dies, denke ich, nicht selten in dem gewöhnlichen Reden der Fall ist. Ich bitte den Leser, selbst nachzudenken und zu beobachten, ob es nicht beim Hören oder Lesen einer Rede oft geschieht, dass die Affecte der Furcht, der Liebe, des Hasses, der Bewunderung, der Verachtung und ähnliche unmittelbar in seinem Geiste entstehen, sobald er gewisseWorte vernimmt, ohne dass irgend welche Ideen dazwischen treten. Ursprünglich mögen in der That die Worte Ideen angeregt haben, die geeignet waren, solche Gemüthsbewegungen hervorzubringen; aber es lässt sich, wenn ich nicht irre, beobachten, dass, wenn uns einmal die Sprache geläufig geworden ist, das Hören der Töne, das Sehen der Zeichen oft unmittelbar die Affecte zur Folge hat, die anfänglich nur durch Vermittelung der Ideen hervorgerufen werden konnten, welche nun völlig ausbleiben. Können wir z.B. nicht freudig afficirt werden durch das Versprechen eines guten Dings, auch ohne eine Vorstellung davon zu haben, worin dieses bestelle? Oder reicht nicht schon die Bedrohung mit einer Gefahr zu, Furcht zu erregen, obschon wir nicht an irgend ein einzelnes Uebel denken, das uns wahrscheinlich treffen werde, und uns auch nicht eine abstracte Vorstellung bilden? Ich glaube, dass Jeder, der auch nur ein wenig eigenes Nachdenken mit dem Gesagten verbinden will, gewiss die Ansicht gewinnen wird, dass Gemeinnamen oft als Bestandtheile der Sprache gebraucht werden, ohne dass der Sprechende sie zu Zeichen solcher Ideen in seinem eigenen Geiste bestimmt, welche sie nach seiner Absicht in dem Geiste des Hörers hervorrufen sollen.

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Analyse der Prinzipien menschlicher Erkenntnis 3

Dienstag, 10. Juli 2007 17:56

 Es wäre eine gleich sehr endlose wie nutzlose Aufgabe, den Schulphilosophen, jenen grossen Meistern der Abstraction durch alle die mannichfachen unentwirrbaren Irrgänge von Irrthum und Disputation zu folgen, in welche ihre Lehre von abstracten Wesen und Begriffen sie hineingeführt zu haben scheint. Was für Hader und Streit entstanden, wie viel gelehrter Staub aufgewirbelt worden ist wegen dieser Dinge, und welch einen herrlichen Vortheil die Menschheit daraus geschöpft hat, ist heute zu gut bekannt, als dass man darüber noch ausführlich zu handeln brauchte. Und es stände noch gut, wenn die übelen Folgen dieser Lehre auf den Kreis ihrer erklärten Bekenner eingeschränkt geblieben wären. Erwägt man die grossen Mühen, den Fleiss und die Fähigkeiten, welche so manche Menschenalter hindurch auf die Pflege und Förderung derWissenschaften verwendet worden sind, erwägt man, dass trotz alledem der weitaus grössere Theil derselben voll Dunkelheit und Ungewissheit und voll von Streitigkeiten, die nie enden zu sollen scheinen, geblieben ist, und dass selbst diejenigenWissenschaften, die für gestützt auf die klarsten und zwingendsten Beweise gelten, seltsame Behauptungen enthalten, […]

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